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Coverstory: Andreas Gabalier

Home oder Hoamat?

Nach seinen Erfolgen als Volks-Rock’n’Roller, kombiniert Andreas Gabalier die österreichische Tracht nun auch noch mit dem amerikanischen Lebensgefühl.

"Ich habe bei mir im Keller ein kleines Studio, in dem ich an meinen Songs arbeite. Ich hab‘ schon zwei Maxi-CDs gemacht und einer meiner Verwandten hat mir gesagt, dass er jemand kennt, der sich im Musikgeschäft auskennt und der mich gerne berät…einfach weil ich keine Ahnung vom Geschäft habe", erzählte Andreas Gabalier noch vor wenigen Jahren. Die angesprochenen Maxi-CDs hatte er damals noch selbst in Kuverts gesteckt und mit der Post verschickt. Schüchtern spielte er beim steirischen Bauernbundball ein paar Lieder auf seiner Harmonika und freute sich anschließend über den Applaus und die Ehre bei einem solchen Event überhaupt auftreten zu dürfen. Der Steirer war damals noch kein Showmaster, sein musikalischer Lebenslauf kürzer als seine bäuerlich wirkenden Stirnfransen und sein französischer "Nicht-Künstlername" für viele noch eine Intonationshürde. Andreas Gabalier war Jus-Student und Freizeitmusikant. Spricht man den Superstar heute auf diese Zeit an, bezeichnet er diese als "altes, anderes Leben". Denn nachdem er den Bekannten aus dem Musikgeschäft kennenlernte, niemand Geringerer als der millionenschwere Papiermaschinen-Unternehmer und Nik-P-Entdecker Klaus Bartelmuss, ging es relativ schnell. Andreas Gabalier bekam von ihm nämlich nicht nur einen Rat: Bartelmuss wurde Produzent und Manager und Koch Universal Music seine Plattenfirma. Zudem wurde mit dem Berliner Mathias "Matze" Roska noch ein erfahrener Arrangeur ins Boot geholt.

Nach der Veröffentlichung seines Debütalbums "Da komm‘ ich her" (2009) taute der junge Steirer allmählich auf und wurde immer mehr zu dem Volks-Rock’n’Roller, den wir heute kennen – das Wort hatte er übrigens schon viele Jahre davor kreiert, aber in seiner braven Anfangsphase nie ausgelebt. Ein einzelnes Pressefoto, das den Sänger mit nacktem Oberkörper in den Bergen zeigte ("Eigentlich ein Zufall, wenn ich da oben bin und es ist heiß, dann zieh ich mir halt das Hemd aus"), leitete den Imagewechsel fast im Alleingang ein. Das legendäre Foto wurde in unzähligen Medien abgedruckt, die blanke Brust über der Lederhose; das erste Markenzeichen des neuen, extrovertierten Alpenrockers. Andreas Gabalier wurde schlagartig zum Mädchenschwarm der volkstümlichen Musikszene, sein Erstlingswerk knapp einen Monat nach seinem Erscheinen mit Gold ausgezeichnet und seine Haarpracht zur Elvis-Tolle. Und auch die Selbstsicherheit hatte mit dem Erfolg zugenommen. Plötzlich waren da viele "Freunde" und Besserwisser, die dem Steirer zur Seite stehen wollten, doch er lehnte eiskalt ab. "Wer da aller auf einmal reinreden wollte", erinnert sich der Sänger heute. Er vertraute lieber weiterhin auf sein bewährtes Team. Im Sommer 2010 brachte er mit "Herzwerk" seine zweite Platte auf den Markt, auf der sich auch eine Nummer namens "I sing a Liad für di" befand und mit der er kurze Zeit später österreichische Musikgeschichte schreiben sollte. Der Ohrwurm wurde über die Grenzen des Landes hinaus zum Hit und löste im gesamten deutschsprachigen Raum eine regelrechte Gabalier-Mania aus. Vom schüchternen Jungen von vor zwei Jahren war mittlerweile nichts übrig, sein innerer Schweinehund längst zur Rampensau geworden und der Name Andreas Gabalier zur Marke für gute Unterhaltung. Nach dem Sturz der Ländergrenzen, fiel schließlich auch noch die imaginäre Mauer zwischen volkstümlicher und Popmusik. Mit der Veröffentlichung seines dritten Albums wurde Andreas Gabalier nämlich endgültig zum "Volks-Rock’n’Roller" (2011) und sprach mit seiner einzigartigen, genreübergreifenden Mischung auch Leute außerhalb der Volksmusik-Szene an. Innerhalb eines Kalenderjahres verkaufte er mehr als 120.000 Konzertkarten, außerdem hagelte es mehrere Platin-Schallplatten und renommierte Auszeichnungen wie Bambi, ECHO und Amadeus.

"Ich wollte da immer schon einmal hin, dort wo all die Platten vom Papa herkommen."

Anstatt sich auf den Lorbeeren auszuruhen, entschied er sich allerdings mit seinem vierten Studioalbum abermals etwas Neues zu versuchen und ein großes Risiko einzugehen. In den vergangenen Jahren hatte sich Andreas Gabalier speziell bemüht, die heimische Trachtenmode wieder populär zu machen und eine Heimatverbundenheit fernab des Nationalismus vorzuleben und plötzlich wanderte er aus. Wo früher rot-weißes Karomuster war, prangen heute die Stars und Stripes der US-amerikanischen Flagge. Aus den Haferlschuhen wurden Cowboystiefel und "I sing a Liad für di" zu "I sing a song for you". Andreas Gabalier reiste für die Aufnahmen seines neuen Albums nach Nashville/Tennessee und nahm dort erstmals auch englischsprachige Songs auf. Ein Verrat an seinem Publikum? Keinesfalls. "Aber geh, einfach nur probieren. Einfach ein bissl andere Einflüsse zulassen", beschreibt er selbst diesen Ausflug. "Und sich einen Kindheitstraum erfüllen." Denn im Wohnzimmer, daheim im Grazer Stadtbezirk St. Peter, liegen die Schallplatten seines verstorbenen Vaters: Johnny Cash, Dolly Parton, Jerry Lee Lewis, Elvis und Buddy Holly. Sie alle haben in der Musikmetropole am Cumberland River ihre Lieder aufgenommen. "Ich wollte da immer schon einmal hin, dort wo all die Platten vom Papa herkommen. Das war der Traum, den ich mir erfüllen wollte. In einem Studio arbeiten, wo die Country-Heroes aufnehmen, das wäre früher nie drin gewesen, aber jetzt halt schon", erzählt er. Fünf Lieder wurden schließlich in Nashville aufgezeichnet, nicht mehr und auch nicht weniger – nur ein kleiner Abstecher ins Land der US-amerikanischen Volksmusik.

Im Vorfeld der Veröffentlichung sorgte die abermalige Wandlung dennoch für Gesprächsstoff: Wird er mit englischsprachigen Liedern nicht eher manch österreichischen Fan vergraulen? Ist der große Hype um den Volks-Rock’n’Roller womöglich schon wieder vorbei und wird sich die neue Platte denn überhaupt verkaufen? Bereits am Tag des Erscheinens war dann allerdings klar, dass seine Anhänger noch lange nicht genug von ihrem Andi haben. "Home Sweet Home" wurde noch am Veröffentlichungstag mit Platin ausgezeichnet und stieg in der darauffolgenden Woche spektakulär auf Platz eins der heimischen Albumcharts ein. Auf seine Heimat kann er sich also verlassen und daher wird er diese auch nie im Stich lassen. "Nur noch in den großen Städten aus dem Flieger aussteigen und kaum noch daheim sein? Ich glaube, dafür bin zu viel Bauernbua", sagt er ehrlich. Auch wenn der Titel des neuen Albums englischsprachig ist, so ist er dennoch eine Liebeserklärung an seine Heimat, die ihm selbst in der Nacht im Hotel manchmal abgeht. "Ich trinke für mein Leben gerne Wasser. Stehe in der Nacht auf, lasse es mir aus dem Hahn minutenlang direkt in den Mund rinnen, aber mach das mal in irgendeiner Großstadt, da erkennst du den Unterschied. Bei mir daheim, da kommt das Wasser kalt und in einer Reinheit aus der Leitung wie sonst nirgendwo", sagt er. Obwohl er gerne auf der Bühne stehe und das Gefühl sowie die Menschen liebe, sei eines klar: "Anschließend, fahre ich, wenn es irgendwie geht, nach dem Auftritt nach Hause". "Trautes Heim, Glück allein" oder eben "Home Sweet Home".

Fotos: © Michael Mey

 

 

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